Nachtspaziergänge

Nachts machten wir immer Spaziergänge.

Die Nacht war kalt, darum zogen wir Mäntel und manchmal auch Handschuhe an, um die Rotweintassen besser halten zu können. Etwas Bestimmtes zu besprechen gab es nicht. Es war einfach nett, der Wärme des Hauses zu entkommen und weit weg von all unseren Bildschirmen zu sein.

Ich erinnere mich daran, wie mein Mantel immer etwas zu groß war und deiner zu klein.

In der Gegend, wo wir lebten, standen die Fenster weit offen und wir gaben uns große Mühe, nichts zu beobachten. Nicht die Familien beim Abendessen, nicht die Filmabende der Studenten und nicht den Mann, der gerade seine Zeitung zu Ende las. Wir hielten nur an, wenn die Räume leer waren. Dann kommentierten wir Bilder an den Wänden – oder das nicht abgeräumte Geschirr.

Ich rauchte damals Pfeife, eine Angewohnheit, in der ich nicht sonderlich gut war – und niemals sein würde. Du hast damals versucht, Kräuterzigaretten zu rauchen, weil du hofftest, davon besser zu träumen, oder dich zumindest an deine Träume zu erinnern. In der einen Hand eine Disney-Tasse mit Rotwein, in der anderen etwas zum Rauchen. Laster überall.

Wenn wir welche hatten redeten wir meistens über Freundinnen. Hatten wir keine, sprachen wir über Mädchen. Bei den Spaziergängen waren wir nicht sonderlich schüchtern, wenn es um Sex ging. Wenn eine mal etwas Unerwartetes schrie oder eine Technik nicht klappte, analysierten wir es gemeinsam.

Bei einem der Spaziergänge, fanden wir ein vierstöckiges Baumhaus und mussten uns gar nicht groß absprechen, um uns auf den Rasen zu schleichen und dort den Flutlichtern der Wachen auszuweichen. Wir hielten einander die Tassen fest, als wir über die Strickleiter in die obere Baumhausetage kletterten. Der Baum war riesig, der Boden des Baumhauses lag voller Laub und wir schauten hinaus. Wir nippten an unserem Wein, lächelten und redeten eine Zeitlang über Gott und die Welt.

„Beim nächsten Mal sollten wir uns eine Flasche Wein mitbringen“, sagtest du. Aber ein nächstes Mal gab es nicht.

Manchmal war mir auch nach einem Spaziergang, wenn du keine Lust hattest. Dann ging ich auf den Kinderspielplatz um die Ecke, schaukelte eine Weile und sprang in den Sand. Auf dem Rückweg machte ich beim Kiosk Halt und kaufte Rubbellose und Snickers. Die warf ich dir im Vorbeigehen zu und ging dann in mein Zimmer. Manchmal sah ich auch, wie du dir deinen Mantel schnapptest und eine Tasse Wein und zum Abschied einen imaginären Hut in meine Richtung zogst.

Auf unseren Spaziergängen kamen wir immer wieder an denselben Häusern vorbei, auch wenn es nie schien, als würden wir dieselben Wege laufen. Wir mochten uns nicht als Gewohnheitstiere sehen, auch wenn wir das vielleicht waren.

Manchmal schlossen sich uns auch andere an. Dann fühlte es sich an wie eine Spazierparty oder eine Abenteuertruppe.

Wenn wir zu dritt waren, sprangen wir über Mauern, dachten uns Streiche aus und rauchten Gras aus einem One Hitter. Dann waren die Spaziergänge nicht mehr ruhig und philosophisch.

Einmal liefen wir zum Haus, wo deine Freundin wohnte. Wir sahen sie in ihrem Zimmer –nur als Silhouette. Bis auf die Lichterkette, die du für sie aufgehängt hattest, war ihr Licht bereits aus. Sie spielte mit ihren Haaren. Wir beobachteten sie dabei durch eine halbtote Hecke und mein Herz schlug schneller.

Ich war auch mal mit ihr zusammen, mit deinem Mädchen. Lange bevor ihr euch kanntet. Ich freute mich, sie wieder in meinem Leben zu wissen, denn um Freunde oder Feinde zu werden, waren wie nicht lang genug zusammen. Ich erinnere mich, dass ich damals am Fenster dachte, dass ich nach Hause gehen würde wenn nötig, aber eigentlich keine Lust dazu hatte. Lieber wollte ich mit euch Brettspiele spielen, gemeinsam Wein trinken und euch zusehen, wie ihr Händchen haltet und dabei versucht, mir das Gefühl zu geben, nicht das dritte Rad am Wagen zu sein.

Ich erinnere mich, dass du dieses Mädchen eines Tages geheiratet hast und ich noch eine Weile in dem Block wohnen blieb. Du hattest mich immer beeindruckt, du Dr. Watson und Sherlock Holmes in einer Person. Ich konnte die Menschen nie so lesen wie du, Situationen nie so klar sehen. Alles erinnerte mich irgendwie immer an irgendetwas von früher. Dann versuchte ich, Worte zu finden, um zu beschreiben, was ich fühlte. Während ich mir eine neue Art und Weise zurechtlegte, um eine melancholische Nostalgie zu definieren, warst du dabei, dir Räume und Situationen zu veranschaulichen, auf Partykodes hinzuweisen, die wir irgendwann einmal festgelegt hatten und dabei einen neuen möglichen Streich zu erklären.

Manchmal wünschte ich mir, dass wir auf die Idee gekommen wären, gemeinsam Geheimnissen auf den Grund zu gehen oder einfach weiterhin Streiche zu spielen… Irgendetwas zu tun, was uns davon abgehalten hätte, damit wir noch in Kontakt wären – mit Briefen, SMS oder E-Mails. Ich denke oft zurück an das Haus, wo wir mit all unseren Freunden lebten und an die gemeinsamen Spaziergänge. 

Ich erinnere mich an das eine Mal, als wir Brote genommen hatten, fünf Tage vor ihrem offiziellen Verfallsdatum. Genießbar, aber nicht mehr verkäuflich. Wir steckten die Brote in Briefkästen und legten maschinengeschriebene Zettel dazu, auf denen erklärt war, wie die Brote in die Briefkästen kamen. Wir waren alle zusammen in dieser Nacht – fünf Leute, beladen mit Broten. Irgendwann gingen unsere Mitbewohner ins Bett. Nur wir blieben wach und spazierten durch die Nacht. Die Hände in den Taschen und ein Lächeln auf den Lippen, ob unserer fleißigen Arbeit.

Einmal habe ich versucht, uns beim Spazierengehen zu zeichnen, obwohl ich zwei linke Hände habe. Schließlich zeichnete ich mich ganz skurril größer als dich, obwohl ich in Wahrheit allerhöchstens 10 Zentimeter größer bin. Als ich mit uns abgeschlossen hatte, zeichnete ich die Straßenlaterne und den Gehweg, den wir kaum benutzten, weil nach 10 Uhr abends ohnehin keine Autos mehr unterwegs waren. Ich zeichnete uns mitten auf der Straße und schrieb darunter: „Ein Spaziergang – 2 Uhr nachts“.

Manchmal gehe ich jetzt allein spazieren. Wo ich jetzt wohne, ziehen die Menschen ihre Vorhänge zu. Ich trinke aus einem Flachmann. Und leise murmele ich einen Toast für dich.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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