SMSen

Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob das mit dieser SMS-Flatrate auf meinem Handy so eine besonders gute Idee war. Dadurch habe ich mir nämlich abgewöhnt, mit den Leuten zu sprechen und schicke stattdessen nur noch SMS – egal zu welchem Anlass. Das Ganze hat zwei entscheidende Vorteile: Erstens, bin ich wenn ich die Stimmen meiner Freunde höre auch tatsächlich und wahrhaftig mit ihnen zusammen. Die körperlosen Stimmen, mit denen man beim Telefonieren konfrontiert wird, hatte ich ohnehin immer gehasst. Zweitens finde ich den Nachrichtenton auch bedeutend weniger nervig als klingelnde Handys.

Der Nachteil an der ganzen Sache ist aber in meinem Fall, dass ich als Tauchlehrer und SNUBA-Mitarbeiter oft Nachrichten verschicke und erst viel später Antworten darauf bekomme, da die Mobilfunkanbieter es offenbar nicht für nötig halten, die Menschen, die im Pazifik unterwegs sind mit Netz zu versorgen.

Es wirkt dann immer so seltsam, wenn ich in den winzigen „doch-mal-Funk-Löchern“ inmitten der Wellen mit nassen Fingern auf meinem wasserdichten Telefon SMS tippe, und dadurch mit Freunden und Familienmitgliedern kommuniziere, während die Touristentruppe aus Hawaii, mit der ich unterwegs bin, die bunten Fische bewundert. Alles was ich dabei mache, ist immer mal wieder die Anzeige an ihren Luftdruckgeräten zu überprüfen.

So ein SNUBA-Boot ist so ein bisschen wie ein Espenwald, nur anders herum. Die Luftzufuhr ist an der Oberfläche und jeder bleibt fest damit verbunden, genauso wie eine Gruppe Espenbäume eigentlich nur einen einzigen Organismus darstellt, weil ja alle miteinander verbunden sind. Wie ich es liebe, sechs Menschen dazu zu verhelfen, sich eine mechanische Lunge zu teilen.

Bevor wir rausfahren, erkläre ich es ihnen immer so: Ihr seid alle meine Bäume.

Die Touristen kapieren es nie und mir ist es immer zu blöd, es zu erklären. Üblicherweise muss ich ohnehin eine SMS beantworten, also erkläre ich nur kurz, dass sie sich jetzt alle zusammen eine Lunge teilen, genauso wie eine Baumgruppe die Wurzeln. Dann lasse ich sie die Neoprenanzüge anziehen und schreibe eine Antwort an meine Freundin oder meine Mutter.

Heute sind sieben Leute auf dem Boot und ich nehme sie mit an eine Stelle fernab der Küste von Hilo, wo ich eine Menge Meeresschildkröten vermute. Die Teilnehmer sind recht erfahren, sodass ich diesmal ausnahmsweise nicht mit nach unten muss. Einige von ihnen kommen immer wieder zurück zu SNUBA, obwohl sie eigentlich mal auf SCUBA umsteigen sollten. „Hört doch auf, mit nur einer Lunge zu atmen“, würde ich ihnen am liebsten sagen: „Ihr seid keine Espen, sondern Trauerweiden“.

Als ich das neulich einer langhaarigen Frau sagte, sagte sie mir, ich sei komisch.

Die SMS, die ich verschickte, als endlich alle unten waren:

an Mama: Alles Gute zum Geburtstag! Du bist nicht alt, Mami!

an Danny: Bierchen später, compadre?

an meine Freundin: Vermiss dich, mein süßes Kürbistörtchen.

Ich habe keine Ahnung, wann ich angefangen habe, meine Freundin als mein süßes Kürbistörtchen zu bezeichnen. Sie hasst es. So richtig. Ich glaube, das ist die Form von Hass, die direkt an die Liebe anschließt. Ich frage mich, ob ich ihr mit einem Ring in ihrem Kürbistörtchen an Halloween einen Antrag machen sollte. Ich sehe hinauf in den Himmel und denke, dass der Himmel nur ein wasserloser Ozean ist und wie schrecklich es doch ist, wenn Himmel und Meer die gleiche Farbe haben. Dann fühle ich mich immer, als säße ich in einem gerade angefangenen Gemälde fest.

Ich schreibe das per SMS an Luis, der das für tiefgründig halten würde.

Die Nachrichten warten alle im Postausgang, eine kleine Armee aus Nachrichten, die erst dann gesendet werden, wenn wir aus dem Funkloch rauskommen. Statt auf mein Handy oder in den Himmel zu sehen, überprüfe ich die Luftanzeige und sehe, dass eine Teilnehmerin mehr Luft verbraucht als alle anderen. Ich setze die Taucherbrille auf und schaue hinab, um festzustellen, dass sie Auge in Auge mit einer Meeresschildkröte ist. Schön für sie, denke ich mir.

Mein Großvater sah, wenn man es sich recht überlegt, auch aus wie eine Meeresschildkröte. Er hatte ebenfalls diese seltsam belegten Augen, die wohl auch der Grund waren, dass er 110 Jahre alt wurde. Er sah einfach nicht mehr alles. Meine Mum sagte immer die Augen kämen vom Krieg, aber ich glaube, das kam vom vielen Kristallzucker, den er in seinen Kaffee schüttete. Warum hätten seine Augen sonst so geglänzt?

In Utah gibt es die größte Espengruppe der Welt. Sie heißt Pando, nach dem lateinischen Ausdruck für „ich wachse“ und ist womöglich der größte lebende Organismus der Erde. Ich bewege meine Taucher langsam an einen anderen Ort und überlege mir, was passieren würde, wenn wir jetzt Richtung Pando fahren würden, vielleicht in ein Museum. Denn ich finde, dass man Pando unbedingt gesehen haben sollte. Was problematisch ist, weil man nicht einfach so zum Spaß nach Utah fährt.

Auf einmal kommen auf meinem Handy zig Nachrichten an.

SMS von Lyle: FYI: Ich komm im Sommer auf die Insel! Kann ich vllt bei dir auf der Couch pennen?

SMS von meiner Freundin: Wir müssen ein paar Sachen bereden.

SMS von Cindy: Du schreibst mir nie zurück, du treulose Tomate! CU

Ich schaue kurz auf die Anzeige und nachdem alles soweit gut aussieht, schreibe ich so viel ich kann, vor allem die Nachricht an meine Freundin. Lyle und Cindy muss ich nicht unbedingt gleich antworten. Sie haben beide SMS-Abkürzungen verwendet und das hasse ich wie die Pest.

an sie: Reden worüber?

von ihr: Uns. Lass das nicht per SMS machen.

Ein Tourist taucht plötzlich auf und spricht mit mir aber er ist kaum zu verstehen, weil die Wellen so hoch sind. War mir gar nicht aufgefallen. Ich muss alle an Bord holen, aber vorher schicke ich noch eine schnelle SMS an meine Freundin: „SMSen ist manchmal genauso gut wie reden“. Dann schaue ich auf die Anzeige und merke, dass keiner mehr atmet.

Ich tauche mit dem Kopf unter und sehe, dass niemand mehr an meinem Wurzelsystem hängt. Ich ziehe meine Ausrüstung an, um sie zu suchen, während der Überlebende auf das SNUBA-Boot klettert. Ich sehe nur Blasen.

Meine Espen. Jemand hat meine Espen gefällt.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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