Das bestätigt die Regel

Die Welt ist voller Menschen, die nichts besseres zu tun haben, als irgendetwas mit sich selbst anzustellen, um müde zu werden, so dass sie zufrieden schlafen gehen können. Zu denen gehöre auch ich. Ich – das ist ein Kerl mit schwarzen Haaren und braunen Augen, um die 1,80 groß.

Ich habe ein Gesicht, das die wenigsten Menschen als freundlich beschreiben würden. Wenn ich mich im Spiegel ansehe, kann ich an so viele schöne Dinge denken, wie ich will – mein Blick ist finster. Wenn ich in den Bus einsteige, gehen die Leute für mich aus dem Weg. Wenn ich die Straße entlang laufe, weichen mir Passanten aus, als umgäbe mich eine böse Penumbra, die sie ja nicht einhüllen sollte.

Vielleicht bin ich ja wirklich böse. Ich habe Gewalt beobachtet und nicht eingegriffen. Ich habe scnonmal ein Portemonnaie gefunden und das Geld herausgenommen bevor ich es zurückgegeben habe, mit der Begründung ich bräuchte es. Ich habe Leuten, die mich beleidigt haben in mehreren Fällen ins Gesicht geschlagen. Das habe ich jedoch nie als Boshaftigkeit gewertet, sondern immer nur als ganz gewöhnliche Vergehen. Was daraus mal werden würde, wusste ich nicht.

Als ich in die Großstadt zog, las ich eine WG-anzeige und bewarb mich. Wir trafen uns auf einen Kaffee, um zu sehen ob wir zusammenwohnen könnten und alles worüber er sprach waren die Geldprobleme mit seinem ehemaligen Mitbewohner. Der alte Mitbewohner zahlte die Milch nicht, obwohl er sie für seinen Kaffee verwendete, er zahlte nicht für den Kabelanschluss, obwohl er sich regelmäßig vor die Glotze setzte wenn sie lief.

Der alte Mitbewohner zahlte ein Jahr lang die Miete und ließ sich aushalten. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich anders war, dass ich gar keine Milch in meinem Kaffee trank. Es war ein Witz. Er lachte nicht. Er sah mir nicht in die Augen, während wir uns unterhielten und ich war überzeugt, dass das Gespräch nicht sonderlich gut gelaufen war, aber wir gaben uns zum Abschied die Hand und am nächsten Tag zog ich ein. Es gab keine Möbel im Wohnzimmer, nur einen Gartenstuhl vor dem Fernseher. Er wollte auch keine Möbel kaufen: „Ich hab schon die Pfannen und Töpfe besorgt“. Darum kaufte ich eine Couch.

Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so egozentrisch war und sich weniger für die Welt um sich herum interessierte. Eigentlich verbrachte er den ganzen Tag außer Haus und ging wenn er zurück kam direkt an seinen Computer. Er sagte nie Hallo und schrieb mir Nachrichten auf ein kleines White-Board am Kühlschrank. Kleidung und Haushaltsgeräte bestellte er online. Ich hatte keine Ahnung, was er beruflich machte, denn wenn ich ihn etwas fragte, bekam ich immer eine ellenlange Antwort, die selten auf das einging, was ich wissen wollte.

Wenn ich unterwegs war und die Straße entlang lief oder Bus und U-Bahn fuhr, fragte ich mich, wie viele Menschen wohl so wären wie mein Mitbewohner. War es das, warum niemand mich ansah? War es das, warum niemand mit mir reden wollte? Wenn mich Filme, High School, Bücher und Popsongs eines gelehrt hatten, dann dass wir alle jemanden finden sollten. Und trotzdem waren wir alle umgeben von Leuten, lebten sogar mit welchen zusammen und gaben uns nicht mal Mühe. Wenn ich den Mund aufmachte, drehten sich die Leute weg. Ich sagte mir, es läge an mir, bis ich eines Tages auf die Idee kam, dass es das nicht tat.

Ich habe Reiseberichte von amerikanischen Touristen gelesen, die überrascht waren, wie freundlich die Einheimischen fremder Länder waren, die die Freundlichkeit misstrauisch machte. Für sie war offensichtlich, dass die Freundlichkeit nur die Vorstufe zu Gewalt war. Oder zumindest Taschendiebstahl. Ich frage mich, warum diese Amerikaner wegfahren, nur um sich genauso zu benehmen wie zu Hause.

Ich bin niemand der zu jedem sofort freundlich ist. Aber wenn jemand zu mir nett ist, springe ich mit auf. Ich bin dann auch nett. Dann lächle ich viel. Wenn ich mich im Spiegel selbst anlächle, komme ich mir vor wie ein Psychopath.

Nach einem halben Jahr in der WG fragte mich unser unsympathischer Vermieter, wann ich denn ausziehen würde.

„Ende des Jahres.“

„Dann bleibst du nicht länger?“

„Ich denke nicht.“

„Mensch, Adam, du kannst keinen Mitbewohner mal länger behalten!“, sagte der Vermieter. Der Name meines Mitbewohners war nicht Adam.

Auch wenn es in meinem Mietvertrag explizit verboten ist, vermiete ich mein Zimmer für einige Monate unter. Ich frage den Mitbewohner, er nickt und fragt ob er dem Neuen eine Liste mit Regeln zumailen kann. Ich sage „Klar“ und sage meiner Bar-Bekanntschaft, die mein Zimmer nehmen wird, dass sie alle Mails von ihm bitte ignorieren soll.

Als ich in Cancún ankomme, spare ich mir den Check-In im Hotel und werfe meinen Seesack hinter einen Farn. Keiner hat mit mir gesprochen, weder im Bus zum Flughafen, noch im Flieger, noch im Bus zum Hotel. Ich komme mir vor, als stinke ich schon vor Verzweiflung. Keiner spricht mit mir, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche. Ich habe mal gehört, dass Zellen nach Ozon riechen, wenn sie sterben und frage mich, ob es bei mir auch daran liegt. Ob es das ist, was jeder wahrnimmt, wenn er an mir vorbeigeht. An Einsamkeit zu sterben, das wirkt hormonell recht verdrießlich. Muss aber nicht heißen, dass es nicht geht.

Ich weiß nicht wohin ich gehe und ich bin mir absolut bewusst, dass es ein modernistisches Klischee ist, dass ich aufs Meer starre, während ich darüber nachdenke, was ich tun soll oder bereits getan habe. Alles woran ich denken kann, ist mein Mitbewohner und seine Unfähigkeit, ein Mensch zu sein und das konstante Gefühl, dass einfach jeder ein Versager ist. Und wenn wirklich jeder ein Versager ist, dann bin ich der Versager.

Die Wellen kommen und gehen. Ich höre von Weitem ein Lachen und überlege, mich in dem Sand plumpsen zu lassen, um einen Abdruck zu hinterlassen, aber lasse es sein. Ich mache was alle machen und trinke und starre aufs Meer, bis es Zeit ist, zurückzufliegen. Und ich warte auf denjenigen, der meine Sicht der Dinge ändert.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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