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Das mit Abstand Beste am modernen Leben – der Grund, warum das Leben im Hier und Jetzt besser ist als je zuvor: diese portablen Musik-Player-Teile. Ich spiele tausende Stücke auf meinen iPod und laufe dann den ganzen Tag mit Kopfhörern rum. Das machen viele. Aber meine Songs werden in zufälliger Reihenfolge abgespielt. Wie bei einem frisch gemischten Kartenspiel – wie in Vegas mit hunderten und hunderten von Karten. In Vegas passiert es manchmal, dass genau die richtige Karte aufgedeckt wird für einen Drilling – auf meinem iPod passiert es manchmal, dass genau der richtige Song gespielt wird.

Normalerweise wünsche ich mir, früher geboren zu sein. Ich wünschte ich wäre zu einer Zeit geboren, als man neben dem Telefon wartete und hoffte, dass einer anrief; als man die gesamte Familie zu einer bestimmten Uhrzeit vorm Fernseher versammeln musste, um gemeinsam eine Sendung zu sehen; zu einer Zeit, als Stadtbummel noch bedeutete, dass man durch eine Stadt lief, in die Läden dieser Stadt ging und dabei Menschen aus der Stadt traf, die dort arbeiteten.

Die richtige Musik im richtigen Moment, die direkt in meine Ohren eingespielt wird – so was klappt nur mithilfe von Mikrochips und Prozessoren. Als ich noch klein war, schleppte ich immer einen DiscMan und eine kleine Auswahl an CDs in Plastikhüllen mit mir rum und der Effekt war nicht mal annähernd derselbe, wie bei tausenden Liedern, die in zufälliger Reihenfolge wiedergegeben werden und darauf warten, dass die virtuelle Nadel kommt und die richtige Reihenfolge von 1en und 0en in Gang setzt.

Einige Menschen sind noch nicht so erleuchtet. Ein Freund meines Vaters zum Beispiel hört ausschließlich Vinyl, weil er behauptet, er könne die 1en und 0en hören (leider beweist er das auch immer wieder). Er kauft Diamant-Tonnadeln, reinigt jede Platte vorm Auflegen mit einem Mikrofasertuch. Sein Plattenspieler hat einen elektronischen Arm, der die Nadel perfekt aufsetzt – eine Ironie, die ich nie verstanden habe.

Ich habe Mitleid mit dem armen Kerl. Er wird nie erleben, wie jemand von Wu Tang Records einen Jazz-Sänger von Blue Note auszustechen versucht. Er saß nie in einem Bus und teilte sich mit seiner Freundin den Kopfhörer – hörte selbst den Gesang, die Freundin die Instrumente zu „Yellow Submarine“, um danach zu tauschen. Er wird nie seinen Plattenspieler mit zum Strand nehmen – in einem Auto voller Leute, bei offenen Fenstern, Lautstärke bis zum Anschlag aufgedreht, um den Fahrtwind zu übertönen.

Die Nostalgie für Musik übertrumpft die Nostalgie für Technologie. Ich werde nie das nervige, schwarze kabellose Telefon vermissen, mit dem ich aufgewachsen bin. Das Signal ging bloß bis zum gemeinsamen Badezimmer. Während zahlloser High School-Telefonate saß ich am Wannenrand und plätscherte mit den Füßen im warmen Wasser. Ich werde auch nie meinen alten Computer vermissen, der Internet-Chats immer Zeile für Zeile lud, als würde man sie mit Zwei-Finger-Suchsystem tippen. Wenn ich meine alten Ska-Platten vermisse, kann ich die wiederum mit wenigen Klicks abspielen. Und dann frage ich mich, was ich mir dabei gedacht habe und schalte sie genauso schnell wieder ab.

Wenn ich mit meinen Freunden am Strand in der Sonne brate und mich mit Sonnenmilch eincreme, in etwa der Geschwindigkeit, in der unsere Freunde ein Sixpack durchnehmen, habe ich einen Hörer im Ohr und höre elektronische Rhythmen, die zu den ruckelnden Bewegungen der anderen passen. Wenn dann als nächstes ein alter Country-Sänger seine Schnulzen singt, werden alle träge. Wir lachen und ich tue, als wäre der Sänger auf der anderen Seite meiner Sichtweite – gerade soweit weg, dass ich ihn nicht zu fassen bekomme.

Da ist auch dieses Mädchen am Strand. Ich habe sie schon überall gesehen – ohne Übertreibung. Sie scheint immer am Rand von irgendwelchen Partybildern auf Facebook rumzuhängen; mein iPod spielt jetzt das Solo-Klavierprojekt irgendeines Indie-Sängers. Ich sehe nicht, ob sie allein ist. Sie taucht immer wieder ins Wasser und dann wieder auf. Sie bindet sich die Haare in einen Pferdeschwanz. Und alles was sie tut, unterstreicht die Schönheit der Klaviermusik.

Als ich noch ein Kind war, war ich mit meinen Eltern auf diesem Konzert im Park. Die Band war irgendeine gefeierte Hochzeitsband, die Cover spielte und einige der Parkbesucher Karaoke singen ließ – aber die Nacht war warm, das Brathähnchen, das meine Mom gemacht hatte, war großartig und vor mir stand ein Mädchen mit wunderschöner Haut. Sie war barfuß und bewegte den Kopf zur Musik, ganz genau wie ich, und alles was ich tat, war zu hoffen, dass ich den Mut zusammenbekommen würde, um sie anzusprechen und sie zum Tanzen aufzufordern. Ich war kurz davor, als die Band den großen Meatloaf-Klassiker „I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)“ anstimmte – und beschloss das als Zeichen zu sehen.

Auf dem Weg zum Strand, als er noch spielen konnte, was er wollte, spielte mein iPod Songs über Parties, Strand und Sonne. Es lief „Mr. Blue Sky“ und wir machten das Schiebedach auf. Alles fühlte sich perfekt an, als würden Musik und Leben miteinander verschmelzen – wie im Film, nur besser.

Jetzt machte mein iPod einen auf schüchtern. Anstatt von mutigen Songs, spielte er Schnipsel aus Hörbüchern, einen experimentellen Mash-Up aus Beatles und Beach Boys, und Stücke aus dem Blue Man Group-Album, das ich irgendwo mal billig hatte herumliegen sehen. Ich suchte mit der Weiter-Taste nach dem richtigen Soundtrack und hörte mir die ersten Sekunden der nächsten Songs an; ich suchte nach musikalischen, lyrischen Ratschlägen. Das Mädchen surfte jetzt ohne Brett auf einer Welle. Der Schaum des Wassers sah aus wie ein verzerrtes Spiegelbild des Himmels. Ich wollte einfach nur ins Wasser gehen und ihre Hand halten, während die Wellen auf uns zu rauschten.

Ich legte mich hin, hörte auf sie anzustarren, legte den Arm über die Augen und suchte weiter, bis ich einen Schnipsel aus „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ hatte und mein iPod den Geist aufgab. Ich hob ihn vom Handtuch auf und schaute ihn an – schwarzer Bildschirm. Akku leer.

Ich sah wieder zu dem Mädchen, nahm die Ohrhörer raus und stellte fest, dass sie sang. Also ging ich hin, um zuzuhören.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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