Entlein

Ich habe Mitleid mit den ganzen Menschen, die schon schön geboren werden. Man kommt auf die Welt und die Leute erwarten alles mögliche von einem. Vielleicht hat man wunderschöne große blaue Augen oder einen Haufen süße Sommersprossen, die so hell sind, dass man sie fast als pink bezeichnen könnte. Diese armen Seelen, die mit perfekter Symmetrie geboren werden, mit den Händen eines Pianisten. Und übernatürlich dünn sind sie noch dazu. Diese Menschen gewinnen Von Geburt an im Lotto, und dann fragt dich das Schicksal, was du mit dem Geld machen würdest.

Die Welt gehört aber in Wirklichkeit den hässlichen Entlein. Denen, die schon mit Blankoschecks und roten Zahlen auf dem Konto geboren werden. Von Geburt an kämpfen sie mit einem zu kurz geratenen Bein, unförmigen Gesichtszügen, einem komisch geformten Kopf. „Du Armer“, sagt die Welt dann zu dir. Dann kannst dann Hausmeister werden und alle erwarten das von dir – wie könnten sie auch mehr erwarten? Du verdienst einen Mindestlohn, genießt dein Leben in deinem kleinen Häuschen mit deinem winzigen Stück Rasen, auf dem du dein Bier aus der 0,5 Liter-Dose Dose trinkst. Und jeder, der dich kennenlernt würde sofort sagen, wie nett du doch bist.

Ich kam auf die Welt mit einem Kopf, der doppelt so groß war wie mein Körper, einer Hakennase, und Zähnen, die die anderen Mütter in der Krabbelgruppe immer etwas nervös machten. „Schau dir das Mädchen an“, flüsterten sie sich gegenzeitig zu. Meine arme Mutter, die selbst von Geburt an hübsch war aber nach und nach an Lebensfreude verlor, stand keinen Meter weit weg. Ich war riesig. Stämmig. Ich verprügelte im Kindergarten immer die Jungs und musste die gesamte Zeit auf der Junior High und High School eine hässliche Zahnspange tragen. Ich versuchte nicht aufzufallen – schrieb die meiste Zeit 3en. Ich saß ganz hinten und tat als sei ich ein Junge. Ich lachte wenn sie rülpsten, furzten, und schlechte dreckige Second-Hand-Witze erzählten, die ihre älteren Geschwister ihnen beigebracht hatten.

„Ach Sadie, du bist ein echter Junge“, sagten sie immer auf Parties, wenn wir rumstanden und versuchten, so unauffällig zu wirken und unseren karierten und gestreiften Hemden, dass wir genauso gut als Teil der Wanddekoration hätten durchgehen können. Dann bekamen plötzlich alle ihre erste Freundin und ich blieb als einzige übrig.

Die Schönheit hat mich erst lange nach der High School erwischt, im letzten Jahr vor meinem Bachelor-Abschluss in Buchführung an einem staatlichen College – nichts Besonderes . Meine Zähne waren jetzt gerade und ich hatte angefangen, etwas gegen die strähnigen Haare zu unternehmen. Ich hatte begonnen, im Schulteam Langstrecke zu laufen und binnen kürzester Zeit alles an überflüssigem Gewicht verloren.

Versteht mich nicht falsch: Ich hab mich noch immer versteckt. Während der Unizeit habe ich mir nie neue Klamotten gekauft. Ich trug immer noch Streifenhemden, weite Jeans und eine Brille, die mir ständig aus dem Gesicht fiel, wenn ich sie nicht immer wieder auf die Nase zurückschob. Ich wusste ja, dass die Leute nichts von mir erwarteten, wenn ich etwas rotznäsig in meiner letzten Reihe saß. Meine Sommersprossen hätten als Dreck durchgehen können. Diese Frauenmagazine habe ich nie verstanden. Die, die Frauen sagen, sie sollen sich figurbetont kleiden und bei der nächstbesten Gelegenheit dem nächstbesten Typen einen blasen. Mir war das einfach egal! Ich wollte mein kleines Haus, ein paar Ersparnisse, ich wollte zu Hause vor dem Fernseher sitzen und vielleicht ab und an eine Runde laufen, um mal ein wenig Herzrasen zu bekommen.

Nach meinem ersten Studienabschluss wachte ich eines Tages in meinem Studio-Apartment auf und hatte niemanden anzurufen. Ich hatte keine Arbeit, noch kein weiterführendes Studium. Ich war der Leerraum zwischen zwei Zielen. Nach dem Duschen betrachtete ich mich im Spiegel. Mein Gesicht war klar, symmetrisch. Ich legte das Handtuch beiseite, betrachtete meine Brüste, meine Hüften, meine definierten Beine.

„Wann bin ich denn so geworden?“, fragte ich mein Spiegelbild. Ich erkannte mich kaum wieder. Ich steckte mir die Haare hoch, damit sie mir nicht mehr ins Gesicht fielen, zog Jeans und ein ausgeleiertes T-Shirt an und lief ins Kaufhaus.

Ich konnte nicht glauben, wie viele Menschen hier im Laden waren, um sich verändern zu lassen. Ich setzte mich in die Schuhabteilung und ein gutgekleideter älterer Herr nahm mir die Laufschuhe ab, um mir flache 200-Dollar-Schuhe zu empfehlen, die nicht mal bequem waren. In meinem Dusel kaufte ich sie.

Ich kaufte ein Kleid, das mir eine andere Verkäuferin empfahl. Sie erklärte, es würde so gut zu meiner Figur passen und ich solle endlich aufhören, meine Beine zu verstecken. Ich kaufte BHs, die meinen Körper in eine perfekte Sanduhrform pressten und Parfum, das „endlich die Männer verrückt machen“ würde, wie der Verkäufer es ausdrückte. Zwei Damen in der Make-Up-Abteilung trugen Grundierung und Bronzer auf mein Gesicht auf, zupften mir die Augenbrauen, während sie über meinen Kopf hinweg unentwegt schnatterten, sprühten Zeug in meine Haare, dessen Namen ich nicht verstand. Ich kaufte alles. Die 15-jährige Aushilfe sagte ich könne mich im Laden umziehen und verkaufte mir ein Armband, das perfekt zu Kleid und Schuhen passen würde.

Ich ging auf den Gang des Einkaufszentrums und fühlte mich neu und eigenartig. Wie ein Filetsteak, das zuerst weich geklopft und geformt und dann eingeschweißt wird. Männer und Frauen sahen an mir rauf und runter, gerne auch zweimal. Ich fand einen Smoothieladen, bestellte einen Proteinshake und setze mich an den Tisch im Gastronomieparadies des Einkaufs-Centers. Ich fühlte mich nicht besonders wohl.

In der Nähe war ein Wissenschaftsladen. Ich schlürfte die letzten Fruchtstückchen in meinem Shake und sah mir die Puzzles an. Zwei dickliche Beinahe-Teenager bestaunten das Teleskop. Ein 5-jähriger versuchte, seine Mutter in Richtung eines Sternenprojektors zu zerren.

Ich ging hinein. Im Projektorraum war gerade Platz für mich und meine Tasche. Der Projektor stand auf dem Boden, die Vorhänge waren zugezogen und es war stockfinster. Ich drückte einen roten Knopf und sah ganze Galaxien auf meinem neuen Körper. Meine Beine, meine Arme, mein glänzendes neues Kleid, die komischen flachen Schuhe. Ich wusste nicht, was das Universum für mich in petto hatte, aber scheinbar würde sich einiges ändern.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

3 thoughts

  1. Whoa. Can we talk about how this is a really great moment that encapsulates that complex mess of being a girl who just wants to be whatever and left alone/wanting to be pretty/vulnerable on display. And explores that rather that getting all preachy. Also, science. !!!!!!!! I have never stopped being a five year old kid when it comes to how enthralled I get by science stuffs. !!!!!!

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