Völlig dunkel, nichts zu sehen

Er taucht vor meiner Haustür auf mit einem Rucksack auf dem Rücken. Den trägt er sonst nie. Sonst ist er eher der Typ der mit Notizblock und Stift herumläuft und alles andere, was man so in einen Rucksack packen würde, für völlig überflüssig hält.

„Alles Gute zum Geburtstag, du Zwanzigjährige“, sagt er, kommt in meine Wohnung und nimmt den Rücksack ab. „Fühlst du dich irgendwie anders? Älter vielleicht?“

Bevor er vor der Tür stand, hatte ich mich genau dasselbe gefragt. Ich stand mit einem Zimmer, in ein Handtuch gewickelt, kam gerade aus der Dusche, und sah in den Spiegel. Meine Haare sahen aus, als hätte ich schwarze Schlangen auf dem Kopf und ich fletschte die Zähne. Fühlte ich mich älter? Ich dachte zurück an meine erste Geburtstagserinnerung. Da war ich vier. Ich wachte auf, auf dem Boden warteten mein Geburtstagskleidchen und die neuen glänzenden Schuhe auf jemanden, der sie füllte. Meine Mutter kam herein und sagte. „Wie geht es dir? Fühlst du dich älter?“

Ich sah mich im Spiegel an. Damals schlief ich in einem riesigen T-Shirt. Ich zog es aus und schrie „Ich bin VIER!“. Dann rannte ich los und meine Mutter mir hinterher.

Heute morgen sah ich in den Spiegel und fühlte mich definitiv älter als vier aber nicht viel älter als 19. Ich wollte zur Irritation meiner Mitbewohner wieder nackt durchs Haus rennen und mein Alter herausbrüllen, tat es aber nicht (Wobei… womöglich würde es sie gar nicht groß stören… für eine Zwanzigjährige rannte ich ziemlich viel nackt herum).

„Ja, ich fühl mich älter“, antworte ich.

Er öffnet den Rucksack, zieht riesige blau-weiße Plastikkopfhörer heraus, die mit seinem iPod verbunden sind. Dann bringt er eine schwarze Schlafmaske zum Vorschein.

„Ich hab eine Geburtstagsüberraschung für dich. Darf ich dir die Maske aufsetzen?“

„Hat meine Überraschung was mit Sadomaso und lauter Musik zu tun? Wenn ja brauchen wir ein Codewort, wenn’s zu krass wird.“

„Nein, ich will dich einfach nur überraschen. Und wenn du siehst oder hörst was passiert, bist du nicht überrascht.“

Ich willige ein. Als er mir die Maske aufsetzt, muss ich kichern. Die Dunkelheit ist irgendwie sanft, ihn spüre ich hinter mir und fühle mich komischerweise sicher. Komischerweise, weil mir klar ist, dass ich mich eigentlich nicht sicher fühlen sollte, wenn ich nichts sehen kann.

„Ist es völlig dunkel? Nichts zu sehen?“, fragt er.

„Ich sehe nichts“.

„Ach warte…“. Er nimmt mir die Maske wieder ab. „Du solltest nochmal aufs Klo. Wir fahren ne Weile.“

Als er dann endlich beschließt, dass ich fertig bin, zieht er mir Maske und Kopfhörer wieder auf. Ich höre elektronische Musik, während ich unsicher vorwärts in Richtung seines Autos laufe. Er hält den linken Kopfhörer ein Stück weit weg von meinem Ohr, sodass ich ihn flüstern höre: „Noch ein Schritt. Jetzt die Treppen runter. Gut gemacht. Ich liebe dich so sehr und bin froh, dass du geboren wurdest, jetzt noch die Stufen vorm Haus und vielleicht noch vier große Schritte zu meinem Auto.“

Seit er meine Hand losgelassen hat und losgefahren ist, hat er nichts mehr gesagt. Ich spüre ihn trotzdem noch neben mir. Ich greife nach seinem Arm und er legt meine Hand auf seinen Bizeps. Ich muss lachen, als er ihn immer wieder anspannt und locker lässt. Dann lehne ich mich wieder zurück und höre seinen Mix. Erst Electronica, die ich noch nie zuvor gehört habe, dann Girlgroup-Pop aus den Sechzigern, von dem er weiß, dass es meine Lieblingsmusik ist. Ich vergleiche die 808-Beats mit den Echo-y-Drum-Tönen aus der Vergangenheit.

Auf der Party, bei der wir uns kennenlernten, kannte ich keinen. Ich ging nach draußen zum Pool, der in verschiedenen Farben leuchtete, weil der Gastgeber offensichtlich einen cleveren Beleuchtungstrick eingeschaltet hatte. Ich kannte nicht mal den Namen des Gastgebers, nur meine Freundin, die nun aber auf der Suche nach ihrem Schwarm war.

Ich ging in den Garten, auf dem Strandstuhl saß ein nett aussehender Junge, der auf den Pool schaute und Mund und Kinn in einem roten Plastikbecher verbarg.

„Alles okay?“, fragte ich und setzte mich auf den Strandstuhl daneben. Zwei Leute sprangen in Unterwäsche in den Pool und spritzten uns versehentlich nass.

„Sorry!“, sagte das Pärchen. Sie trugen passende Unterwäsche. Mit blauen Streifen.

Er nahm den Becher aus dem Mund und sah mich an. „Klar. Hier ist schließlich ein hübsches Mädchen zum Reden.“

Wir redeten für den Rest der Party. Es stellte sich heraus, dass er dort auch niemanden kannte. Er erzählte, er habe am Pool gesessen und darauf gestarrt, weil der Anblick so hypnotisierend war. „Es ist wie im Film. Ein Detail, das zeigen soll, dass der Charakter, der hier lebt eigentlich Angst hat.“

Seit diesem Tag verbrachten wir nie länger als ein paar Tage ohne den anderen.

Ich spüre, wie das Fahrzeug anhält, er nimmt mir die Kopfhörer ab.“Wir sind da! Alles Gute zum Geburtstag! Nur noch ein kleines Stück. Noch kannst du die nicht abnehmen, weil du dann weißt, wo wir sind.“

Er steht ein Stück hinter mir, führt mit seinem Arm meinen. Mit der anderen Hand schiebt er mich an der Hüfte weiter. Als wir stehen bleiben nimmt er meine Hand. Ich höre eine Menge Stimmen. Hier sind viele Menschen. Einig rempeln mich an. Ich frage mich wie viele wohl stehen bleiben und uns anstarren.

Wir laufen weiter, die elektronische Musik macht Platz für Mädchenakkorde und Viervierteltakt. Am liebsten würde ich mit klatschen aber er hält noch immer meine Hand. Darum schnippe ich nur mit der anderen.

Er nimmt mir die Kopfhörer ab, dann die Schlafbrille und ich schaue auf himmlische dunkelblaue Formen. Quallen. Hunderte. Der Anblick ist ziemlich hektisch nach der langen Dunkelheit hinter der Maske. Ich höre zwar Kindergeschrei und den Trubel der Menschen hinter mir, aber ich stehe jetzt direkt an der Scheibe, und weine.

„Ist es nicht wunderschön? Hypnotisierend?“

Ich nicke und wische mir die Tränen aus den Augen. Ich bin zwanzig. Das ganze Leben liegt noch vor mir. Und ich frage mich, wie es noch besser werden soll.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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