Glaub an dich

Der Tag, an dem ich nachgab und beschloss, an mich zu glauben, begann mit einem Anruf. Ich hockte auf einem Barhocker in meiner Wohnung, inmitten der Verwüstung, die meine feiernden Freunde hinterlassen hatten. Überall lagen Plastik-Weingläser aus einem aufgeplatzten Müllsack. Die Champagner-Flecken gaben dem Teppich stellenweise einen hellen Braunton. Ryan hatte seiner kleinen Schwester eine Country-Melodie geschrieben, die sie in ihre schlecht-frequentierte iTunes-Sammlung hätte einsingen sollen, stattdessen kauften sie Taylors Leute.

Wenn dir Taylors Leute einen Song abkaufen, hast du es geschafft. Ryan brachte eine Kiste billigen Wein mit (in Gegensatz zu seiner Bude hat meine einen Balkon) und wir feierten die ganze Nacht. Wir hörten uns sogar an, wie er den blöden Song trällerte. Irgendwas über die Unschuld des Händchenhaltens. Ich war betrunken von Rotwein und Neid aber zu verlegen, um mich aus dem Staub zu machen, fühlte mich wie ein Kind, das im Supermarkt seinen Wutanfall bekommt.

Mit meinem großen Durchbruch vor zwei Jahren war es ähnlich gelaufen. Das Geld und das Mädchen, das ich bei der Aufnahme im Studio getroffen hatte, waren ziemlich schnell weg – wie der ganze andere Top-200-Dreck. Eigentlich hätte ihn Michael singen sollen. Seine Leute hatten einen anderen Typen dabei gehabt, der das Lied aufnahm, während Michael noch an etwas anderem arbeitete. Er würde es danach selbst einsingen, mit den Einstellungen, die wir mit dem Kleinen erarbeitet hatten. Aber Michael kam nie dazu. Er wurde krank, dann arbeitete er an seiner Welttournee, irgendwann war er dann tot. Ich bekam die Kohle, aber der Song wurde nie gespielt.

Das ist wie wenn du Kinokarten hast und dann kommt einer und erzählt dir die ganze Handlung, jedes Detail, zwei Stunden lang. Du weißt was passiert, aber wo ist der Stil?

Das Problem ist, dass ein guter Song dich soweit bringen kann, dass Nichtstun danach eine Option ist. Michael kauft deinen Song und, egal ob er ihn singt oder nicht, bist du für die nächsten fünf Jahre versorgt, wenn du gute Entscheidungen triffst. Sechs Monate bei schlechten. Es ist ziemlich einfach, und überzeugend, Parties als „Recherchearbeit“ zu betrachten. Ich schreibe schließlich Partysongs, oder nicht? Auch wenn ich die meiste Zeit an einem Klavier oder mit der Gitarre rumsitze und Löcher in die Luft starre und tue als würde ich genau das fühlen, was auch immer ich zu fühlen vorgebe. Es ist schwerer, mit Kater an Parties zu denken.

An diesem Morgen dachte ich an den Menschen, der ich sein wollte und aß eine Schüssel Müsli. Ich glaubte fest, dass es diesen Jemand gab, den Jemand, der ich sein wollte – der ich sein konnte. Und dann war ich auf einmal da. Ich saß auf der Couch und aß French Toast, trug eine Sonnenbrille und verstand sofort, dass genau das hatte passieren müssen. ‘Warte noch ein bisschen ab’, sagte ich mir. ‘Glaub an dich’.

Und dann klingelte das Telefon. Ich ging ran. Oder vielmehr er. „Paul hier.“

Das mochte ich. Sonst sagte ich instinktiv „Hallo?“. „Paul hier“, das klang als würden viele Leute anrufen, vielleicht eine Sekretärin erwarten, aber nein – du hast Paul!

„Ja, das macht Sinn“, sagte ich in den Hörer. Ich beobachtete mich selbst dabei, dass ich nickte, und lächelte, und die Sonnenbrille herunternahm. Das neue Ich fing an, imaginäre Klaviertasten anzuschlagen, eine Gewohnheit wenn ich mich sehr über etwas freue. „Ja klar, sicher. Justins neuer Song. Er braucht keine Vergangenheit. Keine Pop-Vergangenheit!“

Das machte ganz und gar keinen Sinn. Im gesamten Pop-Genre geht es darum, die Vergangenheit neu zu verpacken. Aber ich stimmte wohl trotzdem zu. Ich tat wohl besser, als würde ich verstehen als am Telefon selbstgerecht und besserwisserisch rüberzukommen. Er legte auf.

„Und?“

„Ich hab’s geschafft!“

„Was hab ich geschafft?“

„Ich hab ihn verkauft. Diesen Michael-Song. Justin’s Leute wollen ihn. Sie wollen eine Textänderung. Er soll nicht so explizit über Sex singen… Aber ich hab’s geschafft!“

Ich sah mich selbst an, mit meinem eng geschnittenen grauen Anzug und dem freudigen Gesichtsausdruck und begann mich mit dem anderen Ich zu vergleichen. Ich trug löchrige Boxershorts und auf meinem Oberschenkel klebte Müsli. Es war klar, dass ich den Song verkaufte. Und nicht ich.

„Und jetzt?“

„Wir haben gestern Ryan gefeiert. Die werden nicht schon wieder ‘ne Party wollen“.

„Ich glaube schon. Feiern ist doch immer ein Riesenspaß.“

Ich sah mir wieder dabei zu, wie ich den Telefonhörer in die Hand nahm und jemanden anrief. „Ich brauche eine Putzkolonne in meiner Wohnung. Die muss präsentabler werden“.

Das machte Sinn. Neue Wohnung, neues Leben, neuer Song. Naja, alter Song, auf Neu gemacht… Dieser Justin hatte nicht Michaels Klasse aber er würde sich in den Song schon reinarbeiten. Diesmal musste ich noch nicht mal was dran tun. Das Demoband von Michaels Ersatz von damals hatten sie schon. Ich fragte mich, ob dieser Justin auch jemanden brauchte, der ihn bei so was ersetzte. Ich bezweifelte es.

Ich zog mich an, warf mir eine Jacke über, und zog dann eine andere Jacke aus dem Schrank – für mich selbst. Die warf ich auf die Couch. Nachdem ich telefoniert hatte, nahm ich mich selbst mit in das Café um die Ecke, wo ich die akuten Folgen meines Katers spürte und mit Schrecken an die Szene von gestern Abend zurückdachte, als ich versucht hatte, Lucy zu küssen – und zurückgewiesen worden war.

Hinter mit stand ich und ich rief: „Lucy, ich hab’s geschafft! Ich hab meinen Song verkauft!“

Sie klang enthusiastisch. Ich hörte mir bei meinem Gespräch mit Lucy zu, hörte wie es klingt wenn man erfolgreich ist und nicht niedergeschlagen ob der Leere im Leben. Es ist verrückt, wie mies es einem geben kann, wenn es nichts wirklich Schlimmes gibt, das dich ernsthaft deprimiert.

Ich setzte mich an einen der Tische und ich setzte mich dazu. Meine Hände zitterten, als ich Kaffee bestellte und meine Hände waren ganz ruhig, als ich eine O-Saftschorle bestellte.

„Ich glaube, ich gehe erstmal eine Weile weg“, sagte ich.

„Ich glaube, das ist das Beste“, entgegnete ich selbstbewusst und sah nickend auf mein Telefon“.

aus dem Englischen von Sandra Kathe

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